Der Zweifel, den ich schätzen lernte

von Serguey Shinder

Lange hielt ich meinen Zweifel für einen Makel. Im Raum saßen die Selbstsicheren, die ohne Zögern sagten, wie es sei, und ich beneidete sie um diese Klarheit. Ich dagegen hörte in mir immer eine leise Stimme, die fragte, ob ich mir wirklich sicher sei. Ich versuchte, sie zu übertönen, weil Zweifel wie Schwäche aussah und Selbstsicherheit wie Kompetenz.

Dann sah ich, wo die wirklich teuren Fehler herkamen. Fast nie aus dem Zweifel. Fast immer aus der Gewissheit. Wer sicher war, prüfte nicht noch einmal. Wer nicht prüfte, übersah den Randfall, den zweiten Blick, die unbequeme Frage. Die Katastrophen, die ich aus der Nähe erlebte, wurden nicht von zögernden Menschen ausgelöst, sondern von überzeugten.

Das stellte alles auf den Kopf. Der Zweifel, den ich für einen Defekt hielt, war in Wahrheit ein Werkzeug. Er war die Stimme, die mich noch einmal hinschauen ließ, den Test schreiben, das Ergebnis nachrechnen. Er war nicht das Gegenteil von Kompetenz. Er war ein Teil davon.

Ich bemerkte auch, dass die besten Ingenieure, die ich kannte, öfter „ich bin nicht sicher” sagten als die Anfänger. Nicht, weil sie weniger wussten, sondern weil sie genau genug wussten, um zu ahnen, wie viel sie nicht wussten. Ihr Zweifel war kein Loch in ihrem Können. Er war die Landkarte seiner Ränder.

Heute trage ich meinen Zweifel nicht mehr wie eine Last, die ich verstecken muss. Ich behandle ihn als Verbündeten, der mich ehrlich hält. Selbstsicherheit verkauft sich gut in einem Meeting. Zweifel hält, wenn das System live geht. Und was hält, ist am Ende das Einzige, was zählt.

– Serguey Asael Shinder

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